Wie Omega-3-Fettsäuren wirken, wenn der Körper gefordert ist
Omega-3-Fettsäuren sind grundsätzlich für ihre entzündungsregulierenden Eigenschaften bekannt. Entzündungen sind jedoch nur ein Teil einer hochkomplexen Immunantwort des Körpers auf virale Infektionen.
Betrachtet man die Immunabwehr zeitlich, bildet die erste Schutzebene physische Barrieren wie beispielsweise die Haut. Sie stellt für Mikroorganismen ein offensichtliches Hindernis dar.
Gelingt es Krankheitserregern wie Bakterien, Viren oder Pilzen dennoch, diese erste Schutzbarriere zu überwinden, kommt die nächste Ebene des Immunsystems zum Einsatz. Weiße Blutkörperchen übernehmen dann die Abwehr. Dazu gehören beispielsweise Makrophagen, die eingedrungene Bakterien aufnehmen und abbauen – ähnlich wie Pac-Man, der alles auf seinem Weg verschlingt.
Damit diese „Fress- und Abwehrzellen“ gezielter arbeiten können, bildet das erworbene beziehungsweise adaptive Immunsystem Antikörper. Dabei handelt es sich um Eiweißmoleküle, die bestimmte neue Bakterien oder Viren gezielt erkennen und anderen Immunzellen dabei helfen, die Eindringlinge schneller aufzuspüren und zu beseitigen.
Das Immunsystem ist somit ein hochgradig reguliertes und eng miteinander vernetztes Zusammenspiel aus Zellen und Molekülen, die gemeinsam dazu beitragen, unsere Gesundheit zu schützen.
Mechanistische Untersuchungen zeigen deutlich, dass Omega-3-Fettsäuren in den Zellmembranen eine wichtige Rolle dabei spielen, besonders schädliche Aspekte der Immunreaktion zu regulieren. Insgesamt verdeutlichen sowohl Abbildung 1 als auch Abbildung 2, wie komplex dieses System tatsächlich ist.
Omega-3-Metaboliten unterstützen die Heilung nach einer Immunreaktion
Das Immunsystem kann zur Bekämpfung unerwünschter Mikroorganismen sehr aggressive Mechanismen einsetzen. Diese gehören unter anderem zur angeborenen Immunabwehr. Gleichzeitig muss die Reaktion gezielt gesteuert werden – eine Aufgabe, bei der die adaptive Immunantwort eine wichtige Rolle spielt.
Nach einer solchen Immunreaktion muss der Körper außerdem die dabei entstandenen Begleitschäden reparieren. Dieser Heilungsprozess läuft nicht einfach passiv ab, sondern ist ein aktiver biologischer Vorgang, der als „Resolution“ beziehungsweise Auflösung der Entzündungsreaktion bezeichnet wird.
Die Auflösung einer akuten Entzündungsreaktion wird unter anderem durch Stoffwechselprodukte von Omega-3-Fettsäuren vermittelt, die als „Specialized Pro-Resolving Mediators“ oder kurz SPMs bezeichnet werden.
Die Entdeckung dieser SPMs zählt zu den besonders spannenden Forschungsgebieten der vergangenen Jahrzehnte und wurde maßgeblich durch die Arbeiten von Dr. Charles Serhan geprägt. SPMs werden in den Stunden und Tagen nach einer Entzündungsreaktion gebildet und freigesetzt. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des körpereigenen Heilungsprozesses.
Sind im Körper nur geringe Mengen an Omega-3-Fettsäuren vorhanden, steht weniger Ausgangsmaterial für die Bildung von SPMs zur Verfügung. Dadurch kann die Auflösung einer Entzündungsreaktion weniger effizient verlaufen und die Entzündung beziehungsweise das dadurch geschädigte Gewebe möglicherweise länger bestehen bleiben.
Eine Studie von Norris und Skulas-Ray zeigte, dass Personen, die hohe Mengen EPA und DHA – zwischen 900 und 3.400 mg pro Tag – einnahmen und anschließend einem kontrollierten Entzündungsreiz ausgesetzt wurden, über einen Zeitraum von 24 Stunden deutlich höhere SPM-Konzentrationen aufwiesen als die Kontrollgruppe.
Omega-3-Fettsäuren spielen demnach nicht nur eine Rolle bei der Regulation der anfänglichen Entzündungsreaktion, sondern können auch die Prozesse unterstützen, die nach Ende der Immunreaktion zur Wiederherstellung des Gleichgewichts beitragen.
Macht ein hoher Omega-3-Index anfälliger für Infektionen?
Eine Übersichtsarbeit von Fenton et al. zeigt, dass der Omega-3-Gehalt der Zellmembranen das Immunsystem – ebenso wie viele andere Systeme des Körpers – beeinflussen kann, wenn die Werte entweder zu niedrig oder sehr hoch sind.
Als „zu niedrig“ gilt vermutlich ein Omega-3-Index von unter 4 %. Solche Werte kommen bei Erwachsenen in westlichen Bevölkerungsgruppen wesentlich häufiger vor als sehr hohe Werte von über 12 %.
Im Hinblick auf das Immunsystem könnte ein Omega-3-Mangel mit einer übermäßig starken und potenziell schädlichen Entzündungsreaktion verbunden sein. Sehr hohe Omega-3-Werte im Blut könnten dagegen theoretisch zu einer abgeschwächten Entzündungsreaktion bei einer Infektion führen.
Ein Omega-3-Index von über 12 % ist allerdings vergleichsweise selten und bislang nur begrenzt untersucht. Deshalb gibt es derzeit nicht genügend wissenschaftliche Daten, um eindeutig festzulegen, ab welchem Wert ein Omega-3-Index als zu hoch einzustufen ist und welche Folgen dies konkret hätte.
Aus diesem Grund kann eine Messung des Omega-3-Index sinnvoll sein. Als Zielbereich wird häufig ein Omega-3-Index zwischen 8 und 12 % angegeben.
Eine Studie von Theis und Kollegen aus dem Jahr 2001 untersuchte die Wirkung von DHA und Fischöl mit EPA und DHA auf die Aktivität sogenannter natürlicher Killerzellen, kurz NK-Zellen.
In der Studie erhielten gesunde Teilnehmer über einen Zeitraum von zwölf Wochen entweder 720 mg DHA oder 1 g EPA+DHA pro Tag – bestehend aus 720 mg EPA und 280 mg DHA. Anschließend wurde die Wirkung auf die Aktivität der NK-Zellen in vitro, also außerhalb des Körpers im Labor, untersucht.
Die Wissenschaftler stellten fest, dass die NK-Zell-Aktivität in der EPA+DHA-Gruppe reduziert war, während dies in der reinen DHA-Gruppe nicht beobachtet wurde. Daraus schlossen sie, dass EPA die NK-Zell-Aktivität hemmen könnte und möglicherweise unerwünschte immunologische Effekte haben könnte.
Dabei sollten jedoch zwei wichtige Punkte berücksichtigt werden:
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Die Untersuchung lediglich eines einzigen Bestandteils des Immunsystems erlaubt keine zuverlässigen Rückschlüsse auf die Wirkung auf das Immunsystem als Ganzes.
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Ergebnisse aus In-vitro-Experimenten, also Untersuchungen außerhalb des Körpers, lassen sich nicht immer direkt auf die tatsächlichen Vorgänge im menschlichen Organismus übertragen.
Eine 1993 im Journal of Clinical Investigation veröffentlichte Studie untersuchte außerdem die Auswirkungen einer fischreichen beziehungsweise fischarmen Ernährung auf verschiedene Parameter der Immunantwort.
Die fischreiche Ernährung lieferte täglich 1,23 Gramm EPA und DHA und wurde über einen Zeitraum von 24 Wochen eingehalten.
Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass eine Ernährung nach dem damaligen NCEP-Step-2-Konzept mit hohem Fischanteil verschiedene Parameter der Immunantwort im Vergleich zu derselben Ernährungsform mit niedrigem Fischanteil deutlich reduzierte.
Solche Veränderungen könnten einerseits bei der Prävention und Behandlung von Arteriosklerose und entzündlichen Erkrankungen von Vorteil sein, andererseits jedoch möglicherweise die Abwehr des Körpers gegen eindringende Krankheitserreger beeinflussen.
Welcher Omega-3-Index ist für die Unterstützung des Immunsystems optimal?
Auf diese Frage gibt es derzeit keine abschließende wissenschaftliche Antwort. Ein Omega-3-Index innerhalb des häufig empfohlenen Bereichs von 8 bis 12 % gilt jedoch als sinnvoller Orientierungswert.
Bis heute ist wissenschaftlich nicht eindeutig definiert, ab welcher Omega-3-Konzentration im Blut von einem zu hohen Wert gesprochen werden sollte.
Der Bereich von 8 bis 12 % wurde unter anderem im Zusammenhang mit dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als klinisch relevant untersucht. Auch zahlreiche weitere mögliche gesundheitliche Vorteile von Omega-3-Fettsäuren werden innerhalb dieses Bereichs beobachtet.
Höhere Omega-3-Werte im Blut wurden zudem mit einem geringeren allgemeinen Sterberisiko in Verbindung gebracht. Ein Großteil dieser Daten stammt jedoch aus Zeiträumen, in denen gegen viele bekannte Infektionskrankheiten bereits Impfstoffe zur Verfügung standen.
Der Zusammenhang zwischen dem Omega-3-Index und dem Schweregrad von COVID-19-Erkrankungen beziehungsweise der damit verbundenen Sterblichkeit war zum Zeitpunkt der ursprünglichen Veröffentlichung ebenfalls Gegenstand weiterer Forschung.
Bis belastbarere Erkenntnisse vorliegen, bleibt eine ausgewogene Ernährung mit ausreichender Versorgung an Omega-3-Fettsäuren eine sinnvolle Grundlage für einen gesunden Lebensstil.
Quelle: OmegaQuant























